Gewalt verhindern Magazin ARTISET 1-2 2023

ARTISET 01/02 I 2023 3 Editorial «Wir nehmen uns gegenüber Menschen mit Unterstützungsbedarf oft zu viel heraus, ohne uns dessen bewusst zu sein.» Elisabeth Seifert, Chefredaktorin Liebe Leserin, lieber Leser «Gewalt verhindern» heisst unser Fokus – fast als würden wir immer wieder Gefahr laufen, Gewalt auszuüben. Dabei gehört es doch zu den urmenschlichen Bedürfnissen, für andere Menschen da zu sein, uns um ihr Wohl zu kümmern. Und gerade Sie sind in die Sozial- und Gesundheitsbranche eingestiegen, weil Sie die Sorge um Menschen unterschiedlicher Art umtreibt. Aber eben, wir kennen die bedrückenden Geschichten, vor allem von sexuellen Übergriffen an Menschen mit Behinderung oder in Obhut befindlicher Kinder. In der Gesellschaft, aber auch innerhalb von Institutionen. Übergriffe, die nicht nur in einer längst vergangenen Zeit stattgefunden haben, sondern auch noch vor gut zehn Jahren. Viele von ihnen mögen sich an den Fall H. S. erinnern. Der Berner Sozialtherapeut hatte jahrelang in verschiedenen Heimen ihm anvertraute Menschen sexuell misshandelt. Solche extremen Fälle mögen sehr selten sein. Gewalt kann aber auch auf subtile Art zum Ausdruck kommen, in Form von verbalen Attacken, Beleidigungen, Vernachlässigungen, Bevormundung im Alltag oder übermässig einengenden Schutzmassnahmen. Es gibt zahlreiche Spielarten von Grenzverletzungen, welche die Integrität, die Würde und die Rechte einer Person berühren. Der Grund für solche Grenzverletzungen gegenüber alten Menschen, gegenüber Menschen mit Behinderung und auch gegenüber Kindern und Jugendlichen mit speziellen Bedürfnissen liegt häufig darin, dass diese in unserer Gesellschaft über keine Lobby verfügen. Menschen mit Unterstützungsbedarf werden noch immer zu wenig als Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen geschätzt und respektiert, sie sind vor allem «die Behinderten», «schwierige Kinder» oder «die Alten». Deshalb nehmen wir uns ihnen gegenüber oft zu viel heraus, ohne uns dessen bewusst zu sein. Im Interview zeigt Delphine Roulet Schwab, Professorin an der Fachhochschule für Gesundheit La Source in Lausanne, diese Zusammenhänge bezogen auf alte Menschen eindrücklich auf (Seite 9). In den vergangenen zehn Jahren sind einige Bemühungen unternommen worden, um Grenzverletzungen zu verhindern. Im Bereich Behinderung haben knapp nach Bekanntwerden des Falls H. S. eine Reihe von Organisationen und Institutionen die Charta zur Prävention von sexueller Ausbeutung, Missbrauch und anderen Grenzverletzungen unterzeichnet. Und ebenfalls seit zehn Jahren unterstützt der Bündner Standard Institutionen im Kinder- und Jugendbereich. In jüngster Zeit wird dem Thema besondere Aufmerksamkeit gewidmet: Der Bündner Standard ist ab Frühling online verfügbar und kann von Institutionen unterschiedlichster Art genutzt werden (Seite 18). Im Behindertenbereich wartet die Branche gespannt auf den Bericht des Bundesrates zum Thema «Gewalt an Menschen mit Behinderung in der Schweiz», der demnächst veröffentlicht wird (Seite 24). Und: Endlich schaut die Gesellschaft auch bei der Gewalt im Alter genauer hin. Seit letztem Jahr leistet ein nationales Kompetenzzentrum Sensibilisierungsarbeit (Seite 6). In die gleiche Richtung zielen auch die Inspektionen in sozialen Institutionen durch die nationale Kommission zur Verhütung von Folter (Seite 13). Titelbild: Gewalt gegen alte Menschen passiert oft subtil. Und oft, weil vergessen geht, dass alte Leute nicht nur fragile, sondern auch bunte Persönlichkeiten sind und ein Leben gelebt haben. Foto: Marco Zanoni

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