ARTISET Magazin | 4-5 2022

ARTISET 04/05 I 2022  43 kennengelernt, und sie haben dann ge­ meinsam eine Firma gegründet. Was macht eine gute Heimer­ ziehung aus? Die Heimerziehung ist dann gut und führt zu guten Verläufen, wenn junge Menschen eine sehr gute Geschichte dar­ über erzählen können. Wenn sie sagen können, dass es gute Gründe dafür gege­ ben hat, dass sie in ein Heim gekommen sind. Und wenn sie auch feststellen, dass sie dort etwas lernen konnten und positive Erfahrungen gemacht haben. Und dass sie selber etwas zum Gelingen beitragen konnten. Viele sind zum Bei­ spiel stolz darauf, dass sie ihren Lehrab­ schluss geschafft haben. Es muss dabei auch nicht alles positiv sein, was sie er­ zählen. Wichtig ist, dass sie ihre Heim­ geschichte in einen positiven Gesamtzu­ sammenhang stellen und darüber reflektiert haben. Welche Geschichten über die Heim­ erziehung haben Sie von den jungen Menschen gehört? Es hat mich immer wieder berührt, wenn die jungen Erwachsenen davon erzählt haben, wie sehr sie das emotionale En­ gagement der Fachkräfte geschätzt haben oder immer noch schätzen. Sie brachten zum Beispiel ihre Dankbarkeit dafür zum Ausdruck, dass sie ihre Bezugsperso­ nen auch nach dem Austritt aus dem Heim noch anrufen konnten. Oder sie erzählten davon, wie sehr sie es schätzten, wenn eine Fachperson extra für sie etwas gemacht hat, zum Beispiel gebacken oder besondere Stärken gefördert und an sie geglaubt hat. Für viele waren auch die klaren Strukturen im Heim hilfreich. Positiv hervorgehoben wurde mehrfach, wie die Fachpersonen als Team zusam­ menarbeiteten. Gab es auch weniger gute Ge- schichten? Wie ich bereits erwähnt habe, gab es solche, die uns sagten, dass das Heim ihnen nicht viel gebracht habe.Wobei das womöglich eine sehr subjektive Sicht ist. Und es gibt eine kleine Gruppe, die «düs­ tere» Erfahrungen gemacht hat. Hier ist von Mobbing in der Wohngruppe die Rede oder von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, die sie als eher distan­ ziert, kalt, ungerecht und sanktionierend wahrgenommen haben. Wie wichtig ist die Unterstützung beim Übergang von der Heimerzie- hung in ein selbstständiges Leben? Entscheidend ist, dass die Jugendlichen während ihrer Zeit im Heim darauf vor­ bereitet werden, dass es ein Ende gibt. Der Schritt ist recht gross, weil es oft ja nicht nur um einen Wechsel der Wohnsi­ tuation und Bezugspersonen geht. Es ver­ ändert sich oft auch der Freundeskreis und die schulische oder die berufliche Situation. Das Abschiednehmen ist nicht mit einer Standortbestimmung vor Marc Schmid, Leitender Psy- chologe der Klinik für Kinder und Jugendliche der UPK Ba- sel.  Foto: UPK Basel JUGENDHILFEVERLÄUFE: AUS ERFAHRUNG LERNEN (JAEL) Das Ziel des Modellversuchs «Jugend- hilfeverläufe: Aus Erfahrung lernen (JAEL)» (2016–2024) ist es, die unter- schiedlichen Entwicklungsverläufe von ehemalig ausserfamiliär plat- zierten Kindern und Jugendlichen zu untersuchen. Bereits im Zeitraum von 2007 bis 2012 wurden im «Modellver- such, Abklärung und Zielerreichung (MAZ) 592 Kinder und Jugendliche aus 64 sozialpädagogischen Instituti- onen in der Deutschschweiz, der Ro- mandie und im Tessin befragt. 231 die- ser mittlerweile jungen Erwachsenen, nämlich alle jene, die man nach sehr aufwendiger Suche ausfindig machen konnte, sind in den vergangenen Jah- ren im Rahmen von JAEL zu ihrer ak- tuellen Lebenssituation erneut befragt worden. Ziel ist die Verbesserung in der stationären Jugendhilfe und in der Gestaltung von den Übergängen in die Verselbständigung. Erarbeitet wird die Studie von der Kinder- und Jugend- psychiatrischen Abteilung UPK Basel und demUniversitätsklinikumUlm. Un- terstützt wird der Modellversuch vom Bundesamt für Justiz. Der Schlussbe- richt wird 2024 vorliegen.

RkJQdWJsaXNoZXIy NDQzMjY=