Partizipative Führung hat Zukunft | Magazin ARTISET | 6 2022
ARTISET 06 I 2022 9 und mehr Absprachen nötig seien, und das brauche letztlich auch mehr Zeit. Auch bei den monatlichen zweistündi- gen Teamsitzungen seien jetzt alle viel mehr gefordert. Aber, sie strahlt, dafür könne sie auch mehr eigene Ideen ein- geben und Kreatives ausprobieren. «Es ist sehr spannend, ich habe viel dazu gelernt und neue Verantwortung erhal- ten.» Sie überlegt und sagt dann, man müsse gerne mitdenken und lebendige Strukturen aushalten. «Wahrscheinlich ist diese Form vor allem für jüngere und junggebliebene Mitarbeitende geeig- net», fügt sie mit einem Lächeln hinzu. Flexibler Alltag für alle Vorläufig lässt sich die allgemeine Zu- friedenheit erst anhand von direkten Rückmeldungen ablesen. Die Fluktu- ation, sagt Zoran Nacev, Mitentwickler der neuen Organisation, sei aber in den letzten zwei Jahren trotz Corona stabil geblieben. «Zugleich konnten wir zwei neue dezentrale Pflegewohngruppen mit 47 neuen Mitarbeitenden eröff- nen – das spricht für sich.» Ausserdem erlaube die neue Organisationsstruktur auf einmal, alte, starre Strukturen auf- zubrechen. Die Arbeitszeiten beispiels- weise sind nicht mehr in Stein ge- meisselt, plötzlich ist viel mehr Flexibilität möglich. «Wir beobachten, dass sich dadurch die erlernte Hilf losigkeit reduziert», sagt Nacev. «Und dass alle ihren Alltag wieder flexibler und eigenständiger gestalten.» Dies schaffe Zeit für zusätzliche Aktivitäten in einem lebendigen Alltag. Wie gut das bei den älteren Men- schen ankommt, haben die ersten sechs Monate der Testphase gezeigt: Sie schätzen es sehr, ihren Tagesablauf mit- bestimmen zu dürfen. Und auch viele Mitarbeitende sind froh, dass sie mor- gens seltener früh anfangen müssen und vermehrt in Schichtdiensten ar beiten können. Da durch die neuen Arbeitszeitmodelle besonders in den Nachmittagsstunden mehr Mitarbei- tende anwesend sind, ist zudem mehr Interaktion möglich. «Die Alltagsge- staltung wird dadurch normalisiert und lässt Handlungsspielraum für Neues zu», findet Nacev. Eine solche Umstellung brauche zwar Zeit, sei aber sehr interessant: «Seit die Mitarbeiten- den sich aktiver einbringen und den Alltag sinnstiftend mitgestalten, beob- achte ich, dass sich auch die alten Men- schen mehr einbringen, für sich Ver- antwortung übernehmen und ihren Teil zu einem gelebten Miteinander beitragen.» «Einfach hinaus ins Grüne» Nach der Sitzung treffen sich Coach Karolina Nicoud und die Tagesverant- wortliche Claudia Schlumpf an einem Tischchen vor dem Haus mit Bewoh- nerin Rosmarie Gisler und Zivilschüt- zer Tomaso Sorrentino: Das Mitspra- cherecht gilt im ganzen Haus, also auch für die Bewohnerinnen und Bewohner. Die 86-jährige Rosmarie Gisler schätzt das, sie wohnt seit fünf Jahren imHaus Zunacher 1 und bestimmt gerne mit: Welche Güetzi zur Weihnachtszeit gebacken werden, oder was sie in der Wohlfühlwoche am liebsten unterneh- men würde. Sie lächelt dem «Zivi» Sorrentino zu und sagt spontan: «Ein- fach hinaus, irgendwo ins Grüne.» Ein Ausflug an den See gefiele ihr gut, viel- leicht sogar ins Kloster Einsiedeln, aber «es muss gar nicht weit weg gehen». Sorrentino nickt, das war letztes Jahr schon so. Für spontane Planänderun- gen sei er aber immer zu haben. Auch für einen ausserplanmässigen Mini ausflug wie an diesem Tag, als er Ros- marie Gisler durch den Park schiebt und mit ihr die frische Luft geniesst. Im ganzen Haus ist eine gute Stim- mung spürbar, die neue Organisation scheint zu funktionieren. Ist also alles auf guten Bahnen? Bart Staring, Pflege dienstleiter und Mitentwickler der Neuerungen, ist jedenfalls zufrieden. Offene Punkte? Kreative Ideen! Aber er gibt unumwunden zu, dass es noch viele offene Punkte gibt. Bei- spielsweise die Frage, wie man in Zu- kunft Mitarbeitende begleiten kann, die sich beruflich und karrieremässig weiterentwickeln möchten. Aber: «Agi- lität stärkt die intrinsische Motivation und lässt Raum für sinnstiftende Wer- te – auch ausserhalb der Karriereleiter.» Auch Kommunikation und Konflikt lösung seien wie in allen Teams «ewige Themen», die auch künftig oben auf der Liste bleiben werden. «Gemeinsam kreative Lösungen zu finden, wird für alle spannend.» Auch Coach Karolina Nicoud ist optimistisch. Und stolz auf ihr Team. Sie freut sich besonders, dass auch langjährige Mitarbeitende ihre Rolle und Aufgabe in der neuen Organisa tion konstruktiv neu definiert haben. «Ich würde jedenfalls nie zurückgehen wollen.» Was aus einer Kanban-Sitzung spontan entstehen kann, sehen Sie in der kurzen Bild geschichte online.
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