Die psychische Gesundheit pflegen | Magazin ARTISET | 7-8 2022
ARTISET 07/08 I 2022 43 Aktuell Die steigende Lebenserwartung und ein jahrzehntelanger Reformstau haben die Schweizer Altersvorsorge in eine ge- waltige finanzielle Schieflage gebracht. Nur durch milliar- denschwere, jährliche Umverteilungen von Jung zu Alt konnte bis jetzt ein finanzieller Kollaps abgewendet werden. Vielen ist nicht bewusst, dass die beiden Hauptpfeiler der Schweizer Altersvorsorge schon heute bei weitem nicht mehr nachhaltig finanziert sind. Ohne Anpassungen werden diese finanziellen Ungleichgewichte massiv ausgedehnt, und der AHV-Fonds wird etwa in den 2030er-Jahren leer sein. Um dies zu verhindern, kann an drei politisch beeinfluss- bare Stellschrauben gedreht werden: am Rentenalter, an der Höhe der Rentenansprüche und der Finanzierung aus Ab- gaben. Die natürlichste und effektivste Anpassung wäre dabei eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters. Das heisst, dass das Rentenalter proportional mit der Erhöhung der Lebenserwartung ansteigen muss. Rentenalter: Erhöhung der Lebensarbeitszeit Die zentrale Reform setzt bei der Renteninitiative an, die im Juli 2021 mit rund 145 000 Unterschriften eingereicht wurde. Die Initiative sieht vor, das Rentenalter für beide Geschlechter zunächst schrittweise auf 66 zu erhöhen und danach an die Lebenserwartung zu koppeln. Eine Umset- zung dieses Vorhabens würde die Nachhaltigkeitsprobleme der Schweizer Altersvorsorge mit einem Schlag substanziell reduzieren. Angesichts der bisherigen politischen Diskussion könnten sich einer zeitnahen Umsetzung dieses Vorhabens allerdings politisch grosse Hürden in den Weg stellen. Da das Tempo einer solchen Reform essenziell ist, schlagen wir vor, das Modell der Initiative etwas anzupassen, um die politische Realisierbarkeit zu verbessern. Denkbare Anpassungen für die Renteninitiative Durch den Einbau eines Default-Ansatzes erhält die Politik explizit die Möglichkeit, Erhöhungen des Rentenalters zu reduzieren oder zu vermeiden, wenn sie innerhalb einer vor- gegebenen Frist eine alternative Reform realisiert (über Bei- tragserhöhungen oder Rentenkürzungen), welche die Finanz situation der Altersvorsorge verbessert. Die Idee ist es, vom «Vollautomatismus» der Initiative wegzukommen, gleich zeitig aber zu garantieren, dass Reformen nicht beliebig verschoben werden können. Die Finanzierung der Alters- vorsorge passt sich so an die steigende Lebenserwartung an, aber der Default-Ansatz gibt eine gewisse Flexibilität, auf welche Art und Weise dies geschieht. Zweitens bildet der Einbau eines einfachen Lebensarbeits- zeitelements eine Option (aber keine Verpflichtung), sich mit dem Nachweis einer bestimmten Zahl von geleisteten Erwerbsjahren ohne Einbussen frühzeitig pensionieren zu lassen. Damit soll dem Gegenargument, dass beispielsweise Bauarbeitern eine Erhöhung des Rentenalters physisch nicht zumutbar sei, der Wind aus den Segeln genommen werden. Drittens könnte erwogen werden, auf die Angleichung des Rentenalters der Frauen an das der Männer zu verzich- ten, falls ansonsten deutliche Verzögerungen der Reform drohen würden. In diesem Fall würde das Rentenalter für beide Geschlechter in gleichen Schritten erhöht werden. Ein solcher Ansatz wäre vor dem Hintergrund der höheren Die Lasten gerecht auf die Generationen verteilen Es ist höchste Zeit, den jahrzehntelangen Reformstau in der Altersvorsorge zu überwinden. Gefragt sind nachhaltige, politisch realisierbare Lösungsansätze. Von Aymo Brunetti und Heinz Zimmermann*
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